Ist das Kunst oder kann das weg?

Diese Frage ist zwar nicht meinem Hirn entsprungen, sondern existierte schon vor diesem Artikel, aber sie hätte durchaus von mir kommen können, als ich mich vor einigen Tagen in einer Kunstausstellung  befand. Genau genommen hätte die Frage in meinem Fall wohl umformuliert werden müssen: „Ist das noch der Fußboden oder trampel ich gerade auf dem Ausstellungsstück herum?“ Aber dazu später.

Jedenfalls findet momentan eine von den Feuilletons der Republik fleißig rezensierte  Ausstellung in Düsseldorf namens „Parallelprozesse“ statt, die Joseph Beuys Lebenswerk ausstellt. Joseph Beuys…Beuys…Beuys…wer war das doch gleich? Ich muss zugeben, dass selbst ich, die ich schon eine höhere zweistellige Zahl an Kunstmuseen von Innen gesehen habe, Beuys vor de Ausstellung nicht kannte. Obwohl er als „einer der bedeutendsten Künstler der Nachkriegszeit“ gilt.  Wobei man den Ausdruck „einer-der-bedeutendsten-Irgenwasse“ schon so oft gehört hat, dass einen das Gefühl beschleicht, man könne sich heutzutage für diesen Titel auch nicht mehr viel kaufen.

Egal. Auch wenn den meisten Menschen bei der Nennung des Namens Beuys wohl nicht spontane Erinnerungskaskaden im Hirn sprudeln, so könnte man doch einige seiner Werke kennen. Berühmtheit erlangte vor allem die so genannte „Fettecke“. Diese bestand aus einem Stück Fett, das unterhalb der Zimmerdecke in der Ecke eines Raumes befestigt war. Als vier Jahre nach der Erstellung der Hausmeister der Kunstakademie, in der die Fettecke hing, die Butter von der Wand kratzte und damit das Werk zerstörte, wurden als Entschädigung 40.000 damals noch D-Mark gezahlt. Ich sag mal so: Wenn solch eine Fettecke um die 40.000 DM wert ist, dann hat meine Küche einen Schätzwert von 160.000 Euro.

Wie dem auch sei: Die Fettecke war jedenfalls nicht ausgestellt, da ja wie berichtet bereits von der Wand gekratzt.  Doch Beuys schien ein recht fleißiger Künstler gewesen zu sein, sodass 300 andere Arbeiten von ihm noch in Düsseldorf zu sehen sind: Zeichnungen, Bilder, vor allem aber Skulpturen und ganze Rauminstallationen. Der Vorteil der Bilder war, dass sie in einen Rahmen gesperrt und somit sofort als Kunst erkennbar waren. Was man von einigen Rauminstallationen hingegen so nicht ohne weiteres behaupten kann. Und so kam es, dass ich mich einem Sammelsurium von geschmiedeten Gegenständen näherte, die auf dem Boden lagen, als mich die Museumswärterin anzischte: „Sag mal, geht’s noch?!?“ Ihre ausgestreckte Hand wies bedeutungsschwanger auf ein Stück Panzertape, das  auf den Bodenfliesen klebte. Was ich natürlich nicht sofort sehen konnte, schließlich stand ich ja direkt darauf.

 

In diesem Ausstellungsstück gilt es den Hirsch zu finden.

 

Nun ja. Moderne Kunst eben. Doch will ich hier nicht den Eindruck erwecken, ich wäre zeitgenössischer Kunst gegenüber nicht aufgeschlossen. Keineswegs. Ich habe durchaus Respekt vor Beuys Arbeit und finde einige Teile wohl auch sehr faszinierend. Obwohl ich nicht umhin kam, mich beim Hören des Audioguides zu fragen, ob sich die Interpretatoren im Nachhinein nicht mehr Gedanken machen als der Künstler im Vorfeld. Aber alles in allem kann ich einen Besuch der „Parallelprozesse“ nur empfehlen.  Tipp am Rande: Bei ernsthaften kunstsoziologischen Betrachtungen ist es durchaus ratsam, sich vertrauensvoll an den umherstehenden Museumswärter zu wenden.  Auf meine Frage beim vorletzten Ausstellungsstück, das sich größtenteils aus Restmetallbeständen zusammensetzte, wo im Kunstwerk denn der Hirsch zu finden sei, bekam ich folgende Antwort: „Der Hirsch ist da, wo immer du ihn sehen willst.“

Herr Pfeffer: Unikate für studentischen Geldbeutel

Ich wohne zwar nicht mehr in Würzburg, muss aber trotzdem noch einmal kurz die Werbetrommel rühren:

Nämlich für „Herrn Pfeffer“, ein Design-Lädchen in Würzburg. Dort gibt es alles zu kaufen, was sich mit Nadeln, Schere und Stiften herstellen lässt. Ob Handtasche, Geldbeutel oder Bilderrahmen – lauter Unikate. „Herr Pfeffer“ fungiert als Plattform für junge Künstler, um ihre Handarbeiten vertreiben. Damit das Ganze nicht langweilig wird und jeder Mal dran kommt, ist mit einem Aussteller nach spätestens drei Monaten Schluss, um einem neuen Künstler Platz zu machen. Und das Beste: Bei „Herrn Pfeffer“ kann man sich sogar als Student schöne Dinge leisten.

Wer auch was Schönes will: „Herr Pfeffer“ findet man, wenn man links vor dem Wöhrl die kleine Straße einbiegt und immerzu gerade aus läuft, auf der linken Seite.

Arschbombe aus 40 Metern

Wenn es um bekloppte Sportarten geht, denke ich intuitiv an andere Länder:

Finnland zum Beispiel mit seinem Gummistiefelweitwurf. Haben im 19. Jahrhundert einst Seeleute ihre Schuhe durch die Gegend geworfen (nun gut, auf so einem Boot wird es ganz schön langweilig gewesen sein), so gibt es mittlerweile den Weltverband im Gummistiefelweitwurf. Dazu ein Regelwerk, das vorgibt, welche Schuhgröße das Wurfobjekt haben muss – nämlich 43 für Männer und 38 für Frauen.  Oder ich denke an Amerika,  wo menschliche Michelin-Männchen LKWs hinter sich herziehen. Vielleicht denke ich noch kurz an die Schweiz, weil einem in so einem Tal quasi gar nichts anderes übrig bleibt, als ein wenig sonderlich zu werden.

Aber denke ich an Deutschland? Nein, ganz bestimmt nicht! Schließlich fallen wir in internationalen Sportwettbewerben selten durch Anmut, Grazie oder Kreativität auf, sondern kämpfen uns einzig mit preußischer Disziplin an die Spitze. Und in so einem Land soll es Fun-Sportarten geben?

Durchaus! Der Arschbombe-Wettbewerb zum Beispiel, der in diesem Jahr in Würzburg ausgetragen wurde. Eine Arschbombe ist zunächst mal ein Sprung ins Wasser, bei dem man mit dem Po zuerst im Wasser aufkommt. Das kennt jeder, der als Kind einmal vom Dreimeterbrett gesprungen ist. Doch die Veranstalter geben sich alle Mühe, die Arschbomben-WM nicht als Funsport-Spektakel erscheinen zu lassen, sondern dem Arschbomben einen ernsthaften Anstrich zu geben. Es fängt ja schon damit an, dass es gar nicht „Arschbomben“ heißt, sondern „Splashdiving“.  Ziel des Splashddivings ist es,  im Gegensatz zum Kunst- oder Turmspringen, das Wasser beim Aufprall möglichst hoch spritzen zu lassen.

Offiziell gibt es 13 verschiedene Sprünge, die je nach Landeposition unterschiedlich benannt sind, zum Beispiel „Kleine Katze“, „Kartoffel“ oder „Kanonenball“ –  eigentlich natürlich auf Englisch, schließlich reden wir hier von einer echten Weltmeisterschaft. Naja, sehen wir einmal großzügig darüber hinweg, dass ein Großteil der 50 Teilnehmer aus Deutschland kam und die Austragungsorte sich auch bislang auf Deutschland beschränkten. Aber WM ist schließlich WM.

Doch –  ich will ja gar nicht spotten: Schließlich zeigten die Springer beeindruckende Sprünge mit Schrauben und Saltos vom 10-Meter-Brett, die natürlich in einer Arschbombe endeten. Und wenn man bedenkt, dass die Aufprallgeschwindigkeit aus 10 Metern 60 km/h beträgt, was dem Aufprall eines Sprunges aus zwei Metern Höhe auf Asphalt entspricht, so möchte ich bei der WM nicht mitmachen.

Wer physikalisch gebildeter ist als ich, der kann jetzt mal ausrechnen, welche Aufprallkraft eine Arschbombe aus 40 Metern hat. – Denn das war der Höhepunkt der Splashdiving-WM. – Oder statt zu rechnen einfach das Video ansehen:

Der Menschheitstraum vom Fliegen

Es gibt diese typischen Lehrersätze. Sätze, die sich klug anhören, über deren Sinn man jedoch nicht allzu lange grübeln sollte. Sonst würde nämlich auffallen, dass diese Sätze nicht nur dumm, sondern ebenso überflüssig sind wie wiederverschließbare Milka-Schokolade.

Doch aus jahrelanger Erfahrung wissen Lehrer, dass allzu langes Nachgrübeln über ihre Sätze von Seiten der Schüler eher die Ausnahme ist. Und so kommt es, dass wohl jeder von uns in seiner Schulzeit einmal folgenden Satz gehört hat: „Solange der Mensch existiert, wünschte er sich nichts sehnlicher als fliegen zu können.“ Danach folgt wahlweise die Fabel von Ikarus und Dädalus oder ein biographischer Abriss Otto Lilienthals.

Aber hat überhaupt mal jemand darüber nachgedacht, was der Satz bedeuten soll? Warum wünscht sich der Mensch seit Urzeiten fliegen zu können? So ein Stuss! Ich würde mich viel lieber ans andere Ende der Welt beamen können als dorthin zu fliegen. Oder soll es etwa der Menschheitstraum sein, 24 Stunden neben einem schnarchenden, schmatzenden und Körperausdünstungen von sich gebenden Mitmenschen auf einen Flugsessel gepfercht zu sein? Und lieber wandel ich den Rest meines Lebens auf meinen beiden Füßen, als mir noch einmal mit Ryanair den Menschheitstraum vom Fliegen zu erfüllen.

Der Traum vom Fliegen begann mit Ryanair weit weg von der Zivilisation, genauer gesagt in Frankfurt-Hahn. Man darf sich da bloß nicht von der Ortsbezeichnung täuschen lassen. Zwischen dem Lufthansa-Frankfurt und dem Ryanair-Frankfurt-Hahn liegen nicht nur eineinhalb Fahrtstunden, sondern Welten!

Als ich das erste Mal das Flughafengelände in Frankfurt-Hahn gesehen hatte, schämte ich mich tatsächlich ein wenig für Deutschland.  Das Gelände ist so schäbig –  kämen dort amerikanische Touristen an, sie würden glatt einen zweiten Marshall-Plan auflegen! Ganz im Ernst, wäre ich Locationscout und müsste den Drehort „Flughafen Kirgisistan“ finden – ich wüsste wo!

Das Flughafeninnere war auch anders, als man es von anderen Flughäfen gewöhnt ist. Es gab keinen Check-In-Schalter und keine Warteschlangen. Kein Wunder, es wurden nicht einmal meine Passdaten überprüft. Die einzige Schlange bildete sich vor der Frau mit der Waage. Denn das Handgepäck durfte kein Gramm mehr als zehn Kilo wiegen und mit dieser Vorschrift nimmt es Ryanair sehr genau. Im Ernst, wahrscheinlich würde jeder Terrorist in den Flieger gelassen, solang seine Bombe nur 9,9 Kilo wiegen und 20 × 40 × 55 Zentimeter nicht überschreiten würde.

Bis kurz vor Flugbeginn rätselten wir, die wir für ein Flugticket nur 10 Euro (inklusive sämtlicher Gebühren) bezahlt hatten, wie diese Gesellschaft gewinnbringend operieren kann. Dies wurde uns auf dem zweistündigen Flug schnell klar: Das Fliegen stellt für Ryanair nur einen  Nebenerwerb dar. Tatsächlich ist das ein Kaffeefahrt-Unternehmen. „Kaufen Sie Speisen aus unserem Boardrestaurant! Kaufen Sie Bustickets! Kaufen Sie Rubbellose und Gutscheine!“ Die Stewardessen waren ausgebildete Vertriebsleute. Na gut, die hatten ja auch sonst nichts zu tun. Getränke bringen, oder so.

Und auch die Aufmerksamkeit der Passagiere war gesichert: Keine Ablenkung durch Boardfernsehen oder Musikprogramme. Ja, man konnte sich dem Verkaufsangeboten noch nicht einmal entziehen, indem man sich schlafend stellte, denn die Rückenlehnen der mit Plastik bezogenen Sessel  waren nicht verstellbar.

Nun, nach zwei Stunden endete der Traum vom Fliegen bei Ryanair mit einem Fanfarengeräusch vom Band, ansonsten aber genauso wie er angefangen hat: Im Nirgendwo. Oder wie meine Mitfliegerin beim Blick auf die schwedische Landschaft sagte: „Oh man, hier ist auch voll die Einöde. Überhaupt keine Stadt in Sicht.“  „Ich glaub, wir sind gleich da.“

Schweden oder das Land der H&M-Models und The-Bands

Zugegeben, mein Traumland war Schweden nie. Weder wusste ich viel über das Land, noch hatte ich jemals das dringende Bedürfnis, in die Kälte (in meiner Vorstellung herrschen in Schweden permanent Minusgrade) zu reisen.

Persönlich kenne ich genau zwei Personen aus diesem Land und beiden entsprechen so ziemlich exakt dem, was ich mir unter Schwedenmenschen vorstelle: Die Mädchen sind allesamt langbeinige, blonde Models, die ausschließlich H&M-Klamotten tragen, und wahrscheinlich die einzigen Menschen auf dem gesamten Planeten, denen diese formlosen, blaukarierten Sackhemden auch noch stehen. Die Jungs sehen alle aus wie Sänger einer „The“-Band, bestreiten ihren Lebensunterhalt als avantgardistischer Fotograf (weshalb sie überall eine 80er Jahre analoge Kamera im Wert eines Kleinwagens mit sich herumschleppen) und leben in einer Kommune in Stockholm.

So viel zu meiner Vorerfahrung mit echten Schweden. Dazu kommt noch Halbwissen aus dem Erdkundeunterricht („da ist ein halbes Jahr lang immerzu hell und ein halbes Jahr lang dunkel“), von diversen Backpacker-Geschichten („den Alkohol kannst du dir da ECHT nicht leisten“) und Ikea-Werbespots („die werfen Tannenbäume aus dem Fenster und nennen das Knut“).

Alles in allem schien mir Schweden zwar ein sehr attraktives Land zu sein – wenn doch nur die Kälte nicht wäre! Deshalb fand Schweden nie einen Platz auf meiner Reiseziele-Top-10-Liste. Doch nun ist alles anders. Vor einer Woche hat sich Stockholm nach ganz oben katapultiert: Ich will da hin! Ich will da unbedingt hin! Ich will da um jeden Preis hin! Wahrscheinlich ist das das „zu hoch hängende Trauben“-Phänomen: Man will immer das, was momentan unerreichbar erscheint.

Aber von vorne: Eines Tages in den Semesterferien war mir stinke öde. Wenn mir stinke öde ist, bekomme ich schlechte Laue. Wenn ich schlechte Laune habe, verspüre ich den Drang, etwas an meinem Leben ändern. Entweder bewerb ich mich dann für einen neuen Job, zieh nach Berlin oder buch einen Flug. Da ich erst wenige Tage zuvor umgezogen war und seit zwei Wochen einen neuen Job hatte, blieb mir nur das Flugbuchen. Und so klickte ich auf der Seite einer europäischen Billigfluglinie herum und entdeckte 5-Euro-Flüge nach Stockholm. So kam es, dass ich mit zwei Freunden nach Stockholm, das Land der Kälte, Supermodels und The-Bands, fahren wollte.

Nur – wie es bei der europäischen Billigfluglinie so gang und gäbe ist, mussten wir vorher online einchecken; was ich mit den Daten aus meinem Reisepass auch tat, die mir meine Mutter übermittelt hatte. Der Reisepass lag allerdings zu Hause und sollte mir zugeschickt werde (wir erinnern uns: Ich bin drei Tagen zuvor umgezogen). Bedauerlicherweise gab ich die falsche Hausnummer an und der Brief verschwand im Nirwana der Deutschen Post. Weder kam er irgendwo an, noch war er auf der Postfiliale auffindbar, noch wurde er zurückgesendet. Ende vom Lied: Ich habe Flugtickets aber nicht zu den darauf vermerkten Daten passenden Reisepass. Seitdem wünsch ich mir nichts sehnlicher als nach Schweden zu kommen.

Nun, morgen werde ich jedenfalls ohne Reisepass zum Flughafen fahren und wie ein Fuchs nach sauren Trauben springen! Und wehe die lassen mich nicht in das Land! Dann werde ich Rache an Schweden üben. Jawohl, ich werde Ikea und H&M mein restliches Leben lang boykottieren!