„Herbstwetter“ hat der Tagesthemen-Wetterfrosch gestern das genannt, was eigentlich Hochsommer heißen sollte. Doch wenn schon der Blick aus dem Fenster kein Stimmungshoch auslöst, so tut es derzeit wenigstens der Blick in den Postkasten. Neben grünen Umschlägen (meine Freunde von der GEZ) und Werbezeitschriften blitzt ein buntes Eckchen hervor: Hurra, eine Postkarte! Die „Urlaubs-Grüße“-Hochsaison hat begonnen!
1. Die Pseudo-Einheimische
Wo geht’s hin? Italien, Spanien, Griechenland
Motiv: Sonnenuntergang am Meer. In derart grellen Rot-, Lila- und Rosatönen, dass es dem Auge schmerzt. Man kann förmlich den Mediengestalter-Azubi vor seinem Photoshop-Programm sitzen sehen, der mal „was Romantisches“ machen wollte.
Besonderheit: Das Wort „Sonne“ ist das Lieblingswort der Pseudo-Einheimischen. Neben der inflationären Verwendung des Begriffes sticht vor allem das „o“ hervor. Das wird nämlich mit einem Strahlenkranz verziert, damit auch der letzte Analphabet begreift, wie schön das Sonnenwetter, Sonnenbaden und die Sonnenstahlen sind.
Text: „Hola Seniorita! Superschönes Sonnenwetter, weiße Sanddünen und langer Strand. Ich genieße das spanische Flair mit viel Paella und Tapas – dazu ein vino blanco. Ein Traum hier unter Spaniens Sonne. Adios amigos!“
Wahre Absicht des Schreibers: Hoffentlich erblasst die andere vor Neid, während ich meinen olivfarbenen Teint zu einem Schokoladenbraun perfektioniere.
So schaut’s aus:
2. Die Gestressten
Wo geht’s hin? Rom, Madrid, Paris, London
Motiv: Kommt einem auf den ersten Blick düster aus dem Geschichtsbuch der achten Klasse bekannt vor. Muss wohl irgend so eine antike Sehenswürdigkeit sein.
Besonderheit: Die Schrift ist kaum zu entziffern. Der Schreiber hat sie entweder auf seinen Knien oder dem Rücken seines Partners geschrieben, während die beiden zwei Stunden in der Schlage vor dem Museum „Geschichte der Stadt in den vergangenen Jahrtausenden“ anstanden.
Text: „Nachdem wir gestern die Vergangenheit der Ewigen Stadt erkundet und auf Kaiser Neros Fußstapfen gewandelt sind (Kolosseum, Forum Romanum, Romulus-und-Remus-Statue, Maxentiusbasilika, Forum Iulium), ist heute nun Petersdom, Kuppel, Vatikan, Altstadt und Lateran angesagt. In Eile, xy“
Wahre Absicht des Schreibers: Hoffentlich schaut das dumme Kind alle Begriffe auf der Karte, die sie nicht kennt, in ihrem Geschichtsbuch nach.
So schaut’s aus:
3. Die Verpflichtete
Wo geht’s hin? Canada, Madagaskar, Japan
Motiv: Völlig egal. Was es an der Hotelrezeption halt so gab.
Besonderheit: Ein exotisches Reiseziel verspricht eine exotische Karte. Da erwähn ich dreißig Mal vorher möglichst „unauffällig“, wie sehr mich ein solcher Urlaubsgruß freuen würde. Dass ich doch bloß nicht vergessen werden und ob ich schon mal meine Adresse aufschreiben soll oder ob die andere Person sie schon habe.
Text: „Herzliche Urlaubsgrüße aus Quebec. Hier ist es schön, Wetter ist auch ganz gut. Bis bald.“
Wahre Absicht des Schreibers: So. Fertig. Ist das auch erledigt.
So schaut’s aus:
4. Die Party-Crew
Wo geht’s hin? Mallorca, Barcelona, Lloret de Mar
Motiv: Etwas, das man nach drei Liter Sangria in der Blutumlaufbahn wohl als „lustige Karte“ empfindet. Meistens irgendwas mit einer nackigen Frau.
Besonderheit: Hier gilt das Prinzip: Jeder darf mal ran. Folglich hat man Text von drei bis fünf verschiedenen (gerne auch unbekannten) Menschen auf der Karte. Auf Grund von Bier- und Sonnenölflecken schwer zu entziffern. Sind die Buchstaben an und für sich richtig erkannt, ist dem Inhalt noch schwerer zu folgen.
Text: „Das kann se an lassen. So. Zack. What happend to this? Hola Massagie? Der kleine Dicke mit der Brille geht grad ins Wasser und ich schreib daher die Karte. Mussten uns von Warmluftströmen wärmen lassen. Oh man die nerven, die Hola massagie-Tussen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“
Wahre Absicht: Absicht? Welche Absicht? Ach so, doch klar, wir wollten doch zeigen, dass wie viel Spaß wir hier haben. Oder…?
So schaut’s aus:
Zu jedem dieser vier Haupttypen des Sommerkarten-Schreibens kann eine weitere besondere Eigenschaft kommen: Die Mitbringer: „Ich bin ja eh schneller da als die Karte. Darum dachte ich, ich schick sie gleich gar nicht.“



