Nachdem ich gestern das Hohelied auf die Bahn als Alternative zur Mitfahrgelegenheit gesungen habe, frage ich mich heute: Ist Mitfahren wirklich so schrecklich? Schließlich ist meiner Erfahrung nach auch Bahnfahren nicht ganz frei von Tücke: Junggesellenabschiede in meinem Zugabteil, zwölf beschwipste Damen im Alter meiner Mutter und ein schnarchender Sitznachbar, der von mir am Bahnhof Zoo geweckt werden wollte.
Was kann beim Mitfahren gar noch Schlimmeres auf einen zukommen, mag sich nun mancher fragen. Wer so fragt, hat keine Ahnung. Es kann noch viel, viel schlimmer kommen:
1. Wurstbrote im Auto
Nein, nein, nein! Niemals Proviant mitnehmen! Schon gar kein Salamibrot! Ich weiß, der Weg von Würzburg nach Berlin war lang, aber deshalb Wurstbrote durch die Gegend zu fahren, ist den Mitfahrern gegenüber verdammt rücksichtslos. Denn im Winter verteilt die Autoheizung die vom Wurstgeruch geschwängerte Luft quer durch das ganze Fahrzeug. Schlimmer als Salami ist eigentlich nur noch Leberwurst und Thunfisch. Ach, und wo wir schon beim Thema sind: Die Schuhe bleiben IMMER OHNE AUSNAHME ANGEZOGEN!
2. Tiere im Auto
Niemals Tiere mitnehmen! Ich saß einmal auf der Rückbank. Mich zu bewegen wagte ich nicht. Schließlich hingen links und rechts über meiner Schulter zwei hechelnde Riesenköter, die aus dem Kofferraum vorschauten. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie widerwärtig so ein warmer Hundeatem im Nacken ist. Da war mir dann sogar die Tatsache egal, dass einer der Hunde auf meinem Koffer lag und der Koffer noch heute mit grauem Rauhaar überzogen ist. Ich ignoriere hier auch die Tatsache, dass wir bei 140 km/h auf der Autobahn sämtliche Fenster sperrangelweit offen haben mussten, damit es den Tieren nicht zu warm wird.
3. Reden im Auto
Klar, oft hat man einen netten Fahrer oder nette Mitfahrer erwischt und kann sich ein bisschen unterhalten. Da man sich noch gar nicht kennt, bieten sich leichte Themen wie Wetter, Beruf und die Stadt, von der man kommt oder in die man will, an. Doch das mit dem Beruf, das haben einige falsch verstanden: Bitte nicht
zwei Stunden lang über die verdammte Doktorarbeit reden! Als ich nach zwei Stunden Fahrt in Würzburg ausgestiegen bin, kam ich mir fachlich so geschult vor, dass ich mich sofort an meine Dissertation über die ultrastrukturelle Untersuchung zum Einfluss von Salinität auf die Entwicklung von Transportepithelien bei Palaeomonetes argentinus setzen wollte.
4. Koffer im Auto
Oh weh, schwieriges Thema. Vor allem, wenn ich selbst die Fahrerin bin. Denn mit meinem Koffer ist der halbe Kofferraum schon voll. Wenn dann noch drei Mitfahrer in Erlangen mit schwerem Gepäck warten, dann kann es schon mal eng werden. Aber ich konnte auch keinem zumuten, die vierstündiger Autofahrt mit einem halben Zentner Gepäck auf den Oberschenkeln zu verbringen. Also standen drei zum Glück sehr verständnisvolle Menschen und ich ratlos vor meinem Kofferraum und bauten Tetris-artig Koffer, Rucksäcke und Reisetaschen hinein. Mist, passt nicht. Wieder raus, wieder rein, wieder raus, wieder rein,….
5. Flirten im Auto
Jaaaa, ich schau vorher bei Studivz nach, wer bei mir mitfährt. Aber nein, ich nehme auch Menschen mit hässlichem Gesicht mit. Und nein, ich glaube auch nicht, dass man bei Mitfahrgelegenheit den Partner fürs Leben findet. Muss ja auch nicht. Eigentlich will ich nur von A nach B kommen. Manche Menschen sehen das aber wohl anders. Und ich sage euch, es ist nichts schlimmer, als mit einem Typen zu zweit drei Stunden nach München zu fahren. Ohne Radio. Dafür mit Gesäusel und Komplimenten seinerseits. Mit Überlegungen, was ich Unfreundliches antworten könnte, meinerseits. Und klar, genau mit so einem muss man dann dooferweise eine Stunde im Stau stehen. „Ach Stau? Macht doch nichts. Ich hab hier ja schöne Unterhaltung und schöne Begeleitung!“
6. Karten im Auto
Zugegeben, so viel ich mich auch über andere Fahrer beschwere, ich selbst bin nicht besser. Mein größtes Manko als Fahrerin ist: Ich kenn mich nicht aus. Oder ich kenne mich aus und verfahre mich trotzdem. Auch wenn ich schon fünfmal nach Berlin gedüst bin innerhalb eines halben Jahres: Sobald einer daneben sitzt, der auch noch Geld bezahlt hat, versagt bei mir jeglicher Orientierungssinn. Das hat schon zu ein paar nicht ganz schönen Erlebnissen geführt. Zur Stadtautobahn hab ich ja jedes Mal gefunden. Nur leider bin ich einmal etwa acht Ausfahrten zu früh herausgefahren. Ja, fragt mich nicht warum. Jedenfalls stand ich im Westen Berlins und musste in den Osten. Die Wieder-Auffahrt zur Stadtautobahn war nicht zu finden. Meine Mitfahrer entsprechend nervös. Ich frage einen meiner Mitfahrer, ob er den Weg durch die Stadt kenne. Jaja, er kennt sich aus und würde mich lotsen. Ich also los – wie bei der Führerscheinprüfung. Mit dem gleichen Haken wie bei der Prüfung: Der Nebenan sagt erst zwei Sekunden vor der Kreuzung, dass wir hier LINKS abbiegen. Natürlich hab ich mich derweilen rechts eingeordnet.
Ein anderes Mal hab ich dem Mitfahrer eine Karte in die Hand gedrückt, damit er den Weg von Tempelhof zum Ostbahnhof finde. Ja, bei mir herrscht das Prinzip „integratives Mitfahren“. Gemeinsame Erfolgserlebnisse machen doch ohnehin viel glücklicher als langweilig zum Ziel gefahren zu werden. So versteh ich auch, dass der Karten-Lotser einmal meinte: „So eine Abendteuerfahrt hatte ich echt noch nie.“ Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment war. Ich glaube aber schon.
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