Heute habe ich eine wichtige Lektion in meinem Leben gelernt. Abgelegt unter der Kategorie „Menschen, vor denen man sich in Acht nehmen und hinter denen man sich nicht anstellen sollte“. In der Kategorie befinden sich bereits: Studenten mit Wanderrucksäcken vor Leergutautomaten, Goldkettchenträger mit Mundgeruch und junge Frauen mit Baby über der Schulter („Ja, Justus, fein, mach ein Bäuerchen!“) Jedenfalls reiht sich heute nahtlos ein weiterer Menschenschlag in diese Kategorie ein.
Gelernt hab ich die Lebensweisheit in der Schlange vor dem Bahnschalter. Dort lernt man ohnehin fast alle wichtigen Überlebensstrategien. Solche wie: Vertraue niemals einem Beamten. Leute mit Uniform nehmen sich viel zu wichtig. Oder: Sitzpreisreservierung kostet vier Euro extra.
Auf jeden Fall hab ich gelernt, dass es noch schlimmere Menschen als alte Menschen gibt. Solche habe ich bislang für die schlimmste Strafe Gottes gehalten. Aber falsch. Denn eigentlich sind Senioren und Seniorinnen auch nur Menschen wie du und ich – mit schlechten Manieren halt.
Das eigentliche und wahre Übel (ich verbitte mir an dieser Stelle den Vergleich mit der Gottesstrafe – wäre vielleicht pietätlos) sind Klosterschwestern. Ja genau diese Häubchen tragenden frommen Beterinnen. Am schlimmsten in Dreierkolonnen vor Bahnschaltern. Zwar setzen sie ihr unschuldiges Gesicht auf, aber auch das konnte mich nicht über ihr rücksichtsloses Verhalten hinwegtäuschen.
Ich wartete bereits zehn Minuten mit Engelsgeduld auf die vier dröge vor sich hin arbeitenden Beamten. Vor mir: lange Schlange. Hinter mir: lange Schlange. Eine Klosterschwester stand zwei Plätze vor mir. Wartete mit einer ebensogroßen Engelsgeduld. Auf einmal kamen ihre beiden Mitschwestern mit Koffern, dass ein halber Jesus darin Platz gefunden hätte, herein. Ich möchte noch einmal daran erinnern: Hinter mir: lange Schlange. Doch nichts hinderte die Gotteskriegerinnen daran, ihre Jesuskoffer und ihre knochigen Hintern zu ihrer Mitschwester zwei Plätze vor mich zu schieben. Und dort zu verweilen als wäre nichts geschehen .
Finde ich an und für sich nicht weiter tragisch. Mach ich ja auch immer, wenn lange Schlangen sind. Als erstes wird die Schlange nach bekannten Gesichtern oder unbekannten Gesichtern, die ausschauen, als wären sie betrunken genug, mich für eine Bekannte zu halten, gescannt. Hat man einen Bekannten gefunden, stellt man sich natürlich dort an. Das führt zu Empörung bei der Person hinter einem. Aber der Unmut legt sich in der Regel nach circa fünf Minuten.
Nur mach eben ich das. Doch bitte keine Klosterschwester! Die haben’s doch so mit ihrer Nächstenliebe. Also nach Nächstenliebe sah mir das nicht gerade aus. Die drei Ordensfrauen haben die Dame vor mir (also die Frau, die direkt hinter den Schwestern stand) in einen gesundheitsbedrohlichen Zustand versetzt. Ihr Hals schwoll, ihre Kiefer arbeiteten wie bei einem bösen Hund kurz vor dem Zuschnappen und ihre Atmung klang auch deutlich rasselnder als zuvor. Von wegen Nächstenliebe.
Wahrscheinlich ist das mit der Klosterkutte nur so eine Taktik. In Abendkursen wird hinter dicken Mauern gelehrt: „Wie Sie sich mit einem frommen Gesicht Vorteile beschaffen – in Theorie und Praxis.“