Ich bin ein Autodidakt. Das ist weder gefährlich noch ansteckend, doch irgendwie kam mir das Wort gerade in den Sinn, als ich über einen Anfang für diesen Artikel nachdachte. Dabei finde ich das Wort Autodidakt in höchstem Grade unschön. Es hört sich nach Rollkragenmännchen mit Nickelbrille an, das angestrengt eine Kassette vor und zurück spult, um einen ausgestorbenen Chinesischen Dialekt zu erlernen. Oder nach verzweifelter 45-jähriger Hausfrau, die sich Faltkunst für Fortgeschrittene an Hand der kürzlich erschienenen Brigitte-Serie (natürlich ausgeschnitten und im Sammelordner eingeklebt) beibringt.
Wahrscheinlich entschlüpfte deshalb ein solch unschönes Wort aus der Buchstabensuppe, die in meinem Kopf rumwabert, weil auch der Gegenstand, den ich mir autodidaktisch beibringe, sehr unschön ist. Denn ich erlerne hier gerade das kleine Einmaleins des Kammerjägertums und des Küchennahkampfes. Im Nebenfach Toxikologie und strategische Kriegsführung. Kriegsschauplatz Küche und Bad, der Feind die Kakerlake.
Denn was Marketingmenschen verschweigen, wenn sie Touristen vom tropischen Klima in Hawaii vorschwärmen, ist, dass tropisches Klima die idealen Wachstumsbedingungen für Kakerlaken darstellt. Man könnte die Kakerlake guten Gewissens als das geheime Maskottchen Hawaiis bezeichnen. (Ich verstehe natürlich, dass sich Hawaii aus Imagegründen lieber die grüne Meeresschildkröte ausgesucht hat.) Jedenfalls gibt es hierzulande kaum eine Wohnung, die nicht von Kakerlaken heimgesucht wird.
Nun, jedenfalls trappeln diese Tierchen auch bei uns nachts gelegentlich durch die Küche bzw. das Badezimmer. Ghostbustermäßig spüre ich den Schädling auf, beobachte und überlege, was zu tun ist. „Du oder ich, es kann nur einen geben“, zische ich dann, um das Tier vorsichtshalber schon mal ordentlich einzuschüchtern. Und da es wahrscheinlich eine amerikanische Kakerlake ist, fügte ich meistens hinzu: „There can be only one.“
Es gibt also nur eine Lösung: Töte sie, bevor… nun ja, also bevor die Kakerlaken noch mehr werden. Nur wie? Hier ein kleiner Einblick in meine gesammelten autodidaktischen Weisheiten „Wie ich eine Kakerlake um die Ecke bringe.“
Methode 1: Mit dem Messer auf die Kakerlake einstechen
Nicht sehr zu empfehlen. Eine Kakerlake kann bis zu drei Wochen ohne Kopf überleben, bevor sie verhungert. Was meine Vermutung bestätigt: Viel zu denken scheint das Vieh nicht gerade.
Methode 2: Gecko halten
Nur bedingt zu empfehlen. Man könnte sich einen Gecko einfangen, der Kakerlaken bevorzugt auf seinem Speiseplan stehen hat. Läuft das Experiment erfolgreich, könnte sich der Gecko jedoch wiederum exponentiell vermehren und es könnte zu einer Gecko-Plage kommen. Ich bin mir nicht sicher, was der natürliche Feind der Geckos ist, aber so ein Habicht oder Adler in der Küche wäre dann doch eher pflegeaufwändig.
Methode 3: Giftgasanschlag
Ich hätte vielleicht stutzig werden können, als ich im Supermarkt an kilometerlangen Regalen mit Giftsprays vorbeigelaufen bin. Die meisten Sprays sind sehr effektiv: Ein kurzer Sprüher auf das Tier, schon fällt es auf den Rücken und haucht seinen Geist aus. (Sofern es noch einen hat und nicht vorher mit dem Messer geköpft wurde.) Aber Achtung, minderwertige Sprays benebeln die Kakerlake nur kurzzeitig – oder Kakerlaken haben mittlerweile gelernt, sich tot zu stellen und krabbeln in einem unbeobachteten Moment schnell fort. Und nein: Nicht alle Sprays töten Kakerlaken. Haarspray und Febreez machen höchstens, dass die Kakerlake gestylte Haare hat oder gut riecht.
Methode 4: Erschlagen mit Schlappen
Dies ist die Lieblingsmethode aller Einheimischen. Wenn im Bus ein braunes Tierchen zwischen den Sitzen hervor lugt, sind sofort mindestens fünf Einheimische mit Schlappen zur Stelle. Zugeschlagen wird üblicherweise mit dem 50fachen an Kraft, die es bräuchte, das Tier zu töten.
Methode 5: Aushungern
Klappt nicht. Niemals. Man kann sämtliche Lebensmittel in Plastiktüten packen, ja man sollte das sogar tun. (Was partiell den Tütenwahn der Honoluluaner erklärt.) Und trotzdem überleben die Viecher, denn Kakerlaken fressen alles. ALLES. Sogar Klebstoff. Kakerlaken leben also auch von Tapetenkleber oder dem süßen Zeug, das auf Briefumschlägen ist. Dies sollte beim nächsten Briefumschlagnasslecken bedacht werden, es sei denn man will vom gleichen Teller essen, wie eine Kakerlake.
Methode 6: Verspeisen
Wird erstaunlicherweise in pazifischen Breiten nicht praktiziert. Ich glaube, damit ließe sich so manche Hungersnot stoppen. (Notiz an mich selbst: 10.Dezember 2050 freihalten, um mir Friedensnobelpreis wegen Beendigung des Welthungers abzuholen.)
Methode 7: Elektromagnetische Wellen
Unser Vermieter hat uns für viel Geld ein Gerät gekauft, das nun in der Steckdose steckt und die ganze Wohnung mit einem elektromagnetischen Feld überziehen und irgendwie dadurch Kakerlaken abhalten soll. Versteht keiner und wirkt genauso gut wie Kakerlaken mit Wolfgang Petri Musik zu beschallen oder mit Weihwasser zu besprengen.
Methode 8: Ertränken
Diese Methode ist mir von Spinnen aus der Heimat durchaus bekannt. Das Problem bei Kakerlaken: Sie befinden sich selten in der Nähe von Wasserquellen und sitzt doch eine mal in der Badewanne und spüle ich sie in den Abgrund, so traue ich mich die nächsten zwei Tage nicht zu duschen.
Ein Ende der Kampfhandlungen ist momentan nicht in Sicht, aber notfalls schaue ich mir die Exit-Strategie vom amerikanischen Militär ab. Das heißt: Truppen abziehen (ich im Januar) und den Krieg für gewonnen erklären.